Das Novemberpogrom in Petershagen

9. November 1938
Das Novemberpogrom in Petershagen. Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

“Die Ortsgruppe der NSDAP gedachte am 09.11.1938 im Rahmen einer Feierstunde des gescheiterten Hitlerputsches. Sie kam den Anweisungen der Kreisleitung, die Synagoge in Brand zu setzen, auf Veranlassung des sich dagegen sträubenden Ortsgruppenleiters Ferdinand Walting zunächst nicht nach, „obwohl seitens höherer Parteidienststellen mehrfach ausdrücklich solche Ausschreitungen, insbesondere aber die Inbrandsetzung der Synagoge, verlangt worden“ waren.

SA-Kreisleiter Dr. Gräßner forderte in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in wiederholten Telefonaten den Ortsgruppenleiter Walting auf, Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung in Petershagen zu initiieren. In Begleitung der Parteifunktionäre Fritz Kuloge und Rudolf Kruse suchte Walting nachts gegen 03.30 Uhr den Kreisleiter in Minden auf. Dieser hielt sie unter Androhung von Parteisanktionen zu Übergriffen in Petershagen an. „Durch die Bekundungen der früheren Zellenleiter in der Spruchgerichtsakte ist seine Einlassung, er sei von dem Kreisleiter in Minden heftig bedrängt worden, bestätigt worden.“

Am Morgen des 10. November kamen Walting und der Polizeiwachtmeister Lampe darin überein, die Inneneinrichtung der Synagoge zu zerstören. Walting beauftragte den Binnenschiffer Hartmann sowie den Altwarenhändler Göhmann, die nicht Mitglieder der NSDAP waren, mit dem Zerstörungswerk. Die Aufsicht erhielt Polizeimeister Lampe, da Walting seine Zahnarztpraxis in Ovenstädt aufsuchen musste. Vor der Synagoge trafen sich nun Lampe, Hartmann und Göhmann, um ohne Aufsehen mit der Zerschlagung des Mobiliars zu beginnen. Hartmann war mit einer Axt ausgerüstet, Göhmann mit einem Hammer. Lampe öffnete mit dem Schlüssel die Eingangstür zum Synagogenraum, die sich im Hausflur der nach Westen angrenzenden Hausmeisterwohnung, der ehemaligen jüdischen Schule, befand. Die Tür wurde nicht gewaltsam aufgebrochen. Auf Anweisung des Wachtmeisters begannen Hartmann und Göhmann mit dem Zerschlagen der Bänke: „Es wurde alles zerstört, was an Inneneinrichtung vorhanden war. Es ist auch richtig, daß noch zwei Säulen abmontiert werden sollten, die eine kleine Empore [trugen]. Zum Zerstören dieser Säulen kam es jedoch nicht.“

Zitiert nach: Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen e.V. (Hrsg.): Alte Synagoge Petershagen. Menschen – Spuren – Wege. Petershagen 2004 (Zugleich: Jacobsen, Uwe und Battermann, Wolfgang (Hrsg.): Historisches Jahrbuch Petershagen. Band 2, 2003-2004. Petershagen: Im Selbstverlag der Ortsheimatpflege, 2004, S. 114 ff.).

 

 

Bote an der Weser, 16. November 1938