Stadtrundgang Petershagen

Station 22 - Heldenhain

A. Gedenkstätte für die in den Weltkriegen gefallenen Bürger

Der sogenannte „Heldenhain“, ein parkähnliches Gelände gegenüber dem Bessel’schen Burgmannshof, trägt seine Bezeichnung aufgrund eines öffentlichen Aufrufes vom 30.10.1917 im Boten an der Weser. Stadtverwaltung und Kriegerverein bilden „im vierten Kriegsjahr“ (= 1917) einen Ausschuß für die Errichtung einer Gedenkstätte „Heldenhain der Stadt Petershagen“. Im Gedächtnis an die im Krieg gefallenen Bürger soll „jedem Sohn der Stadt eine Eiche geweiht werden …“. Ausschußmitglieder sind die Petershäger Honoratioren Hempell, Hartmann, König, Lindemeyer, Buschhaus, Dransfeld, Gieseking, Hestermann und Loebbecke. 

Der Ausschuß wendet sich am 30. Oktober „ohne Rücksicht auf politische und religiöse Überzeugungen, auf Stand und Vermögensverhältnisse“ an die Bürgerschaft der Stadt Petershagen, um einen einmaligen oder regelmäßig vierteljährlichen Beitrag für die Errichtung des Hains zu leisten, denn „in ihn soll das zeitige und das kommende Geschlecht mit frommem Schauder eintreten, Ruhe, Erholung und innere Sammlung von des Tages Mühe und Sorge finden und sich der gewaltigen Geschehnisse des Weltkrieges und seiner Opfer in Ehrfurcht erinnern. (…) Der einmalige Beitrag ist spätestens bis zum 1. April 1918 fällig, kann aber auch den Sammlern sofort ausgehändigt werden.“ Die vierteljährlichen Beiträge werden für eine „Heldenhainrücklage“ eingesetzt. Das Denkmal kann schließlich 1922 von der Stadt und den ehemaligen Schülern des Seminars errichtet werden.

 

Die Gedächtnishalle auf dem Heldenhain. Postkarte 1930er-Jahre.

Die Stadtgemeinde erwirbt hierzu von der evangelischen Kirchengemeinde den alten, nicht mehr benutzten Friedhof. Auf dieser Parzelle befanden sich bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts die Johanneskirche, die Pfarrkirche der Altstadt, die nur noch als Begräbniskirche verwendet wurde, sowie das Bessel’sche Mausoleum.

Wir lesen im Kaufvertrag:

„§1 Die evangel. Kirchengemeinde Petershagen verkauft der Stadtgemeinde Petershagen den alten, nicht mehr benutzten Friedhof Flur 4 No.99 zum Preise von 3500 Mark zur Auslegung eines Heldenhains zur Ehrung der im Weltkriege Gefallenen. (…)

§3 Das dem Pfarrer Westermann errichtete Denkmal muß auf dem Platze bleiben, bis es verfällt, ebenso das Besselsche Erbbegräbnis. Auch sind diejenigen Gräber, die heute noch gepflegt werden, zu belassen, solange sie von den Angehörigen gepflegt werden.

§4 Die Steine, die nicht von den Angehörigen der dort bestatteten Gemeindeglieder in Anspruch genommen oder nicht vom Presbyterium zur Aufstellung an der Kirche ausgesucht werden, werden der Stadtgemeinde unentgeltlich [für die Anlage des Denkmals] überlassen.

§5 Wenn die Stadtgemeinde die Absicht haben sollte, den alten Friedhof als Acker oder Gartenland, Wiese, Weide oder Bauplatz nutzbringend zu verwenden oder etwa sich findende Bodenschätze auszubeuten oder ausbeuten zu lassen, so hat die Kirchengemeinde das Recht, den Platz für 3500 Mark zurückzuerwerben. Dagegen aber hat die Kirchengemeinde nichts zu erinnern, daß auf dem Platz ein Krankenhaus errichtet oder derselbe als Parkanlage benutzt würde.“

Die Gedächtnishalle 2003 auf dem Heldenhain. Die Eichenbestand zum Gedenken der Gefallenen ist stark dezimiert.

B. Denkmal des Georg Heinrich Westermann

Der Tod des Superintendenten und Konsistorialrats G. H. Westermann am 11. Dezember 1796 veranlasste Friedrich Gieseler, den zweiten Prediger der Gemeinde, eine Gedächtnisschrift für seinen Förderer und Gönner herauszugeben. Der Erlös diente der Errichtung eines Denkmals auf dem Altstädter Friedhof und der Unterstützung des Schulbesuchs bedürftiger Kinder. Die Gedächtnisschrift gliederte sich in einen Vorbericht, eine Predigt über den 15. Psalm, die Lebensbeschreibung Westermanns, eine Standrede und das Subskribentenverzeichnis, das auch in den„Wöchentlichen Mindischen Anzeigen“ veröffentlicht wurde. 

Das noch heute erhaltene Denkmal konnte aufgrund eines Antrags der Ortsheimatpflege und der Kulturgemeinschaft Petershagen am 9. Januar 2002 unter Denkmalschutz gestellt werden. Gieseler bediente sich zur Verwirklichung seines Denkmalvorhabens der Hilfe prominenter Persönlichkeiten aus dem Umfeld des Schaumburg-Lippischen Fürstenhofes. Zu dem illustren Kreis gehörten Vertreter der rationalistischen Geisteshaltung. Der schaumburgische Hofmaler Anton Wilhelm Strack  trug die Verantwortung für den Entwurf und die Supervision des Projektes. Strack wurde durch handkolorierte Veduten der Weserlandschaft bekannt. Er erhielt seine künstlerische Ausbildung u. a. bei seinem berühmten Onkel, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein dem Älteren (1722-1789). 

Mit der Durchführung der Steinmetzarbeiten beauftragte man die renommierte Werkstatt der Brüder Heyd, Ludwig Daniel Heyd und Johann Wolfgang Heyd, ihres Zeichens hessische Hofbildhauer unter Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel in der Residenzstadt Kassel. Zu den Arbeiten der beiden Bildhauer gehörten u. a. die allegorischen Figuren des Fridericianums in Kassel, Bauplastik am Schloss Wilhelmshöhe, in Göttingen das Denkmal und Grabmal für Gottfried August Bürger und der Wappenlöwe auf dem Rathaus. Das Denkmal in Petershagen trägt unter der bekrönenden Urne in westlicher Richtung die Signatur „Gebr: Heyd. F[ecit]: 1798“. 

Die Inschrift verfasste ein Freund Westermanns, der Schaumburgische Konsistorialrat, Superintendent, Oberprediger und Scholarcha zu Bückeburg, Carl Gottlieb Horstig (1763-1835). Auch ließ es sich die regierende Fürstin von Schaumburg-Lippe, die um eine Reform des Schulwesens bemühte Landgräfin Juliane Wilhelmine Luise von Hessen-Philippsthal, nicht nehmen, zum Kreis der Gedenkschrift-Subskribenten zu gehören. 

Der Theologe aus dem Freundeskreis Goethes, der mit einer Schwester der Schriftstellerin Nina d’Aubigny von Engelbrunner (1770-1847) verehelicht war, entwickelte das zweitälteste Stenographiesystem im deutschsprachigen Raum. Gieseler 27.4.1797: „Das Grabmal wird nun unter der Aufsicht des Professor Strack in Bückeburg gefertiget, und der würdige Konsistorialrath Horstig daselbst, der zugleich ein Kunstkenner ist, nimmt sich als warmer Freund des Verewigten der Sache mit an, hat auch folgende Inschrift dazu verfertigt: “Georg Heinrich Westermann. Lehrer. Vater. Freund. weise. gütig. rastlos. erkannt. geliebt. verehrt. Von seinen Zeitgenossen dankbar genannt der Nachwelt. 

Das Westermann Denkmal vor der Renovierung 2003.
Ein Kran versetzt das 7 Tonnen schwere Denkmal.

Das Denkmal konnte 2003 fachmännisch instand gesetzt werden, nachdem Schäden im Sockelbereich aufgetreten waren. Im Zuge der Denkmalsanierung ermöglichte das Abheben des sieben Tonnen schweren Monumentblocks eine Untersuchung der Denkmalbasis. Als untere Sockelstufe verwandten die Erbauer 1798 die halbierte und mit den Inschriften nach unten gekehrte Grabplatte des Schulrektors Garenfeld und seiner Ehefrau Ilse Plage (Inschrift: Heinrich Daniel Garenfeld, Rektor in Petershagen, 16.03.1666-15.06.1713, Ilse Plagen, 20.05.1669-1713). Der Stein war mit barocken Wappen verziert, wie sie für diese Epoche der Stadtgeschichte charakteristisch waren. Das heraldische Gutachten, das Herr Heese aus Minden 2003 für die Ortsheimatpflege anfertigte, ordnete die Wappen westfälischen Adelsfamilien zu. 

Wappenbeschreibung (evtl. Ehe- oder Allianzwappen): Die Blasonierung (Tingierung) ist bei beiden Wappen nicht zu erkennen. Heinrich Daniel Garenfeld: Wachsendes Pferd aus einem im Schildfuß befindlichen Turnierkragen oder Kamm (sehr selten). Auf einem bewulsteten Spangenhelm mit Decken und Pausche (Turniermünze) ein wachsendes Pferd. Ilse Plagen: Aus dem linken Schildrand wachsender Arm mit einem Blütenstrauß. Auf einem bewulsteten Spangenhelm mit Decken und Turniermünze (Pausche) zwei Büffelhörner. Bewulsteter Helm mit Decken (beide Wappen). Es handelt sich um zwei Adelswappen aus westfälischen Familien. 

Weitere Quellen führten zu dem Schluss, dass sich im Umfeld des Denkmals eine Grabkammer, das sogenannte Hellermann’sche Erbbegräbnis, das der Überlieferung nach drei Särgen Platz bot, und das zur Errichtung des Westermann-Denkmals 1798 mit dem vorhandenen Fundament-Findling verfüllt wurde, befunden hatte. Die Grabstätte des Ehepaars Westermann befand sich dem Anschein nach östlich des Denkmals, worauf die Ausrichtung der Inschrift hinwies. Gieseler charakterisierte Westermann als einen Vertreter des theologischen Rationalismus, der eine kritische Distanz zur Aufklärungstheologie bewahrt hatte. 

Die beiden Hellermann‘schen Steine befinden sich heute im Schlossinnenhof. Grossmann 1963: „Die beiden Steine […] gehören zu einem Grab, das der Amtsschreiber Hellermann für sich und seine Nachkommen erworben hatte. Es befand sich in der Nähe des Westermann-Denkmals. Der kleinere Stein stellt den Deckel der Gruft dar, der größere den eigentlichen Grabstein für den 1615 zu Lemgo geborenen und 1697 verstorbenen Wolrad Hellermann. […] Das Eigenartige an dem Grabsteine besteht darin, dass auf ihm ein Fluch verzeichnet steht; allerdings in lateinischer Sprache, so dass der Sinn den meisten unverständlich bleibt. Dieser recht kräftige Fluch sollte die nachkommenden Geschlechter von einer Verletzung des Grabes abschrecken und hat auf Deutsch folgenden Wortlaut: „ Wenn jemand dieses gekaufte Grab nach unserer Beisetzung öffnet, verkauft oder zerstört, soll ihm die Flucht des Cain, der Aussatz Gehasis und die Verzweiflung des Judas zuteil werden.“ Geholfen hat dieser Fluch allerdings nicht. […] Das „aufgeklärte“ 18. Jahrhundert glaubte nicht daran. Einige Jahre später hatten denn auch einige Soldaten – Petershagen war damals Garnisonstadt – den Mut, den Deckel der Gruft zu heben, in der zwei große und ein kleiner Sarg standen. Der Sohn des Amtsschreibers war Hauptmann im Infanterie-Regiment, das Friedrich der Große als Kronprinz führte. Nach seinem Regierungsantritt beförderte er ihn zum Obersten und verlieh ihm später den erblichen Adel.“

Die künstlerische Provenienz des Westermann-Denkmals wird hier erstmalig in der neueren ortsheimatpflegerischen Literatur hervorgehoben. Die zuvor zitierte Inschrift befindet sich an der Ostseite des Denkmals.

Uwe Jacobsen. Petershagen in Dokumenten. Kommentierte Quellen zur Stadtgeschichte. (2015). Siehe dort: Literaturverzeichnis und Quellenangaben.

Für Jahrhunderte den Blicken verborgen: Das Garenfeld'sche Epitaph.

Station 22 - Heldenhain